Und noch etwas, ich hätts beinahe vergessen: das Thema der Mimesis hat uns beschäftigt. Wie lernen wir Leben? Im wesentlichen und zunächst einmal durch Mimesis, durch spielerische Nachahmung dessen, was wir vorfinden. Für Mimesis können wir auch den moderneren Begriff der Simulation einsetzen. Die Formen der Simulation reichen vom freien, sozialen Kinderspiel („Vater-Mutter-Kind“, oder vielleicht auch schon: „Papa, Vati, Kind“…) bis zur komplexen festlichen Aufführung des kosmischen Schauspiels von Werden und Vergehen, Endlichkeit und Ewigkeit im kultischen Spiel.

Eine denkwürdige Besonderheit besteht darin, dass der Zwang zur illusio die Spielenden verführt und durch die eigentümliche Macht, die das Spiel auf die Akteure und Zuschauer ausübt, dazu hinreißt, der eigenen – stets verleugneten und abgestrittenen – illusio zu verfallen. Dies könnte der Keimpunkt der archaischen Religionen sein: Von der mimetischen Darstellung der kosmischen Naturerfahrung und ihrer Simulation im Maskentanz, im Opferfestritual oder im Mysterienspiel geht ein heiliger Zauber aus, der in vielen Kulturen zu der Vorstellung führt, das mimetische Darstellen des Dramas des Lebens sei notwendig, um seine Wiederkehr und Beständigkeit zu sichern, mit anderen Worten: der Clan, der Stamm oder die Gemeinschaft sei verantwortlich für das Bestehen des Kosmos, den Lauf der Sonne, den Regen, die Fruchtbarkeit der Felder, das Wiedererscheinen des Wildes usw., das heißt, das Ritual garantiert seine eigene Verwirklichung. Die Menschenopfer der Atzteken dienten dazu, die Götter, insbesondere die Sonne zu nähren und so den Lauf der Jahreszeiten, die Fruchtbarkeit, das Licht und den Regen im Gang zu halten.

Magie ist im Kern darstellende Mimesis mit dem Ziel ihrer Verwirklichung. Das Opferitual organisiert das gedeihliche Zusammenspiel von Menschen, Ahnen, Göttern bzw. kosmischen Naturkräften. Der oft, gerade bei Huizinga, beschworene „heilige Ernst“ im Spiel hat eine über psychosoziale Faktoren hinausgehende Grundlage: Es geht um nicht weniger als Leben und Tod, das vitale Geschick der Gemeinschaft, ihre Blüte oder ihren Untergang. Mehr als nur gelegentlich führt das Vergessen der illusio als solcher dabei zu einer hypertrophen Proliferation des Kultes, der, vor allem wenn er mit Veranstaltungen verbunden ist, die zum Formenkreis des Potlatch gehören, fast das gesamte ökonomisch-soziale und kulturelle Leben der Gemeinschaft unter seine Regel bringt und absorbiert. Ein solcher ‚wuchernder“ Hypertrophismus des Kultes lässt sich häufig beobachten – vom Totenkult der alten Ägypter bis zu den endlosen, ruinösen Beerdigungsfeiern bei manchen Stämmen in Papua-Neuguinea oder Zentralafrika. – Erhellend hierzu die Ausführungen Georges Batailles über Potlatch, unproduktive Verausgabung und Souveränität, die ich letzte Woche im Vortrag dargestellt habe.

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