Phantast, sapphistischer Feminist, sozialistischer Erotiker: Charles Fourier, 1772-1837

GEGEN EINE WELT VON DUMMKÖPFEN

Charles Fourier, frühsozialistischer Phantast und „Buster Keaton der Utopie“

Meine Damen und Herren,

wir blicken auf eine skurril versponnene Szene, wie von Spitzweg gemalt: Eine armselige Mietwohnung  über den Dächern von Paris, so vollgestopft mit Topfpflanzen, daß nur ein schmaler Pfad zu Tisch und Bett freibleibt: der Regenwald-Dschungel eines möblierten Herren. Inmitten des luxurierenden Grüns kniet ein wenig -gravitätisch, wie andachtsversunken in die botanische Pracht, ein ältlicher Hagestolz in strengem schwarzen Gehrock, mit altmodischer weißer Halsbinde, Uhrkette und Nickelbrille. Die Idylle täuscht um eine Kleinigkeit: Der Mann ist tot. Der Schlag hat ihn getroffen– oder vielleicht hat er sich einfach zu Tode gewartet. Jeden Mittag hatte der zurückgezogen lebende alte Handlungsgehilfe in seinem Kontor die Feder sinken lassen, um pünktlich um zwölf Uhr daheim in seinem vegetabilen Miniatur-Paradies zu sitzen, die Uhr in der Hand, genau eine Stunde lang, jeden Tag, Woche für Woche, Monat um Monat, zehn volle Jahre lang, das macht, die Sonntage abgerechnet, 3.130 Stunden Warten – nicht auf Godot, aber auf einen ähnlich mythischen Mann, den er geheimnisvoll den »Kandidaten« zu nennen pflegte.

Eines Tages würde der nämlich die Stiege hinaufkommen, an die Tür klopfen, mit einem bedeutenden Scheck winken – und dann hätte es sofort losgehen können mit dem großen Projekt: der Installation des Paradieses auf Erden – in Form einer Phalanstère, einer Kommune frei und harmonisch zusammenlebender Menschen in einer luxuriösen, blühenden Stadt der Zukunft, deren Austrahlung enorm genug sein würde, den Rest der Menschheit im Handumdrehen zu dieser Lebensform zu bekehren. Aber der »Kandidat« kam nicht. Niemals fand ein Finanzier den Weg hinauf zum einsamen, allmählich verbitterten Utopisten. Der wartete, wie Wladimir & Estragon, all die Jahre vergebens. Der Wiederaufbau des Garten Eden fiel läppischen Finanzierungsproblemen zum Opfer. – In gewisser Hinsicht war das allerdings auch ganz gut so. Eine Utopie ist nicht dazu da, realisiert zu werden; schon gar nicht die unseres Pflanzen- und Menschenfreundes. Sein wundervolles, inspirierendes Luftschloß hätte in der schäbigen Real-Existenz mit Sicherheit seinen unnachahmlichen, zart wahnsinnigen und doch so mitreißenden Charme verloren, und erst recht seine intellektuelle Strahlkraft. So aber leuchtet es aus der Ferne und kann noch immer Herzen wärmen und Hirne beflügeln.

Die Concierge, die den kaufmännischen Angestellten Charles Fourier am 10. Oktober 1837 tot in seinem improvisierten Gewächshaus auffand, hätte nicht viel über ihren stillen Mieter verraten können, außer vielleicht dies: Nie habe einer ihn jemals lachen sehen. Heute nennt man ihn in seiner Heimat den »Buster Keaton der Utopie«, wohl, weil er wie der Stummfim-Klassiker mit melancholisch-stoischer Unbewegtheit durch die Niederschläge und Katastrophen stapfte, die  sein glanzloses Leben ausmachten. Eine äußerlich uninteressante, zuweilen deprimierende, allenfalls ein bißchen tragikomische Biographie, die deshalb früh von Anekdoten und Legenden überwuchert wurde. So erzählt man über den skurrilen Sonderling in etwa das Folgende: daß er Junggeselle blieb, weil er die Ehe haßte und Orgien freier Liebe bevorzugte, theoretisch jedenfalls, während er praktisch wohl jungfräulich blieb, bis er sich, schon Mitte Dreissig, in eine obskure Affäre mit seinen beiden Nichten verstrickte und seine sehr spezifische sexuelle Präferenz entdeckte: Er outete sich als einen »Sapphisten«, das ist ein Mann, der von der lesbischen Liebe und ihren Anhängerinnen erotisch fasziniert ist. Ganz ohne Zweifel steht das einem Utopisten gut zu Gesicht: eine Leidenschaft, die durch ihr Objekt die eigene Erfüllung unterbindet. Keine Anekdote ist hingegen sein kompromißloser Einsatz für Würde, Freiheit und Selbstbestimmung der Frau. Zu seiner Zeit war Fourier, davon zeugt sein Werk, unangefochten die radikalste Stimme des Feminismus in Europa. Davon später mehr.

Als Autodidakt, der nur nach Büroschluß schreiben und studieren konnte, lebte er nach pedantischem Zeitplan, der vier Stunden der knappen Freizeit täglich dem Studium vorbehielt. Die einzigen Vergnügungen des überzeugten Genießers und Anti-Asketen sollen in morgendlichem Weißwein bestanden haben, einer Limonade mittags, einer Dominopartie am Abend und gelegentlich einem Besuch auf dem Blumenmarkt. Blumen soll er über alles geliebt haben, ferner Musik, Astronomie, Arithmetik sowie Quittenkompott; sein Haß galt dagegen Spinnen, Kröten, Raupen und alten Städten; als Gourmet habe er ferner verabscheut: Nudeln, Tee und schlechtes Brot. Seine unzähligen kaufmännischen Brot-Jobs habe er stets gewissenhaft erledigt, sagen die einen, die anderen sagen: mit höchstem Unverstand und größtmöglicher Gleichgültigkeit. Soviel zum Anekdotischen.

Porträts zeigen einen früh gealterten Mann mit etwas femininen Zügen; mit seinem feinen grauen Haar, der hohen Stirn und dem strich-schmalen, grämlich herabgezogenen Mund wirkt er ein bißchen wie eine beleidigte und resignierte alte Jungfer. Rein physiognomisch würde man auf einen humorlosen, vom Schulfrust verbitterten Latein-Pauker tippen, der unter den Hänseleien der Rotzbuben vergeblich um seine Rest-Würde ringt. Eine seltsame Mimikry: Hinter dieser Fassade verbarg  sich einer der witzigsten, scharfsinnigsten, phantasiebegabtesten und freiesten Geister seiner Zeit.

Um Ihnen das plausibel zu machen, bedarf es einer speziellen Art von Wiederentdeckung. Fourier hatte gewiß an Zensur und Verfolgung, auch unter Spott und Verleumdung zu leiden, aber sein Andenken beschädigte ein Ungemach, das auf viel subtilere Art den Ruf eines Dissidenten und originellen Kopfes ruinieren kann – wenn er nämlich unfreiwillig in das übermächtige Gravitationsfeld eines die Zeit dominierenden Diskurses gerät und von diesem verschluckt und absorbiert wird. So erging es in der Antike schon Meisterdenkern wie Heraklit und Parmenides, die man postum zu »Vorsokratikern« degradierte, als habe ihr Lebenswerk allein darin bestanden, dem platonischen Sokrates den Weg zu ebnen. Fouriers Unglück wollte es, von Karl Marx und Friedrich Engels geschätzt zu werden. Weit über den spöttelnden Kleingeistern ihrer Zeit stehend, erkannten die Großmeister des »wissenschaftlichen Sozialismus« die Reichweite und Brisanz des Fourierschen Werks und adoptierten ihn kurzerhand als geistigen Ahnen. Als »utopischen« oder »Frühsozialisten« ernannten sie ihn zum »Vorläufer« und »Wegbereiter« ihres eigenen, natürlich „historisch überlegenen“ Projekts.

Das Etikett des zwar geehrten, aber letztlich historisch eingeholten, überholten und »aufgehobenen« Vorläufers wurde Fourier nicht mehr los. Bis heute steht er im Schlagschatten von Marx und Engels. Seit mit denen kein Staat mehr zu machen ist, droht auch das Gedächtnis Fouriers endgültig in der Versenkung zu verschwinden, da mit dem von DDR-Akademien gepflegten »wissenschaftlichen Sozialismus« zugleich  das Interesse an dessen Ahnengalerie versiegt ist. Die letzte große, Fourier gewidmete Monographie in deutscher Sprache stammt noch aus dem 19. Jahrhundert: SPD-Urgroßvater August Bebel schrieb sie im Parteiauftrag während der Festungshaft. – Fourier verdient es aber nicht, als museales Fossil in den Archiven der Arbeiterbewegung zu verstauben. Er gehört da gar nicht hin. Eine Lektüre ohne marxistische Lesebrille, ohne übertriebene Konzentration auf das konkret Sozialreformerische, läßt einen völlig eigenständigen und sehr eigenartigen Denker entdecken. Fourier wurde nicht nur von Marx und Engels geschätzt, ihn bewunderten auch Literaten, Ästheten und Philosophen wie Stendal, Heine, Balzac, André Breton, Adorno oder Roland Barthes– und das mit gutem Grund.

Ähnlich wie das schwarze Werk de Sades begründet und exemplifiziert auch das lichte, heitere Fouriers ein eigenes Genre für sich. Die absonderliche Mischung aus sozialphilosophischem Scharfsinn, abstrus-pedantischen Phantasmagorien und verwegener science-fiction-Spekulation läßt sich kaum klassifizieren. Was ist das? Eine prophetische Poesie? Eine surrealistische Träumerei? Ein genialer Zukunftsentwurf – oder die schiere Spinnerei eines Dilettanten und messianischen Scharlatans? Mancher wird auch heute die verwirrende Erfahrung teilen, die einer der ersten Rezensenten 1830 im Mercur de France mit dem Bonmot beschrieb, er habe nach der Lektüre an seiner eigenen Vernunft mindestens ebenso gezweifelt wie an der Fouriers. Die dialektische Humoristik dieses Werks, die zu Teilen vielleicht auch unfreiwillige Komik seiner pseudo- oder para-wissenschaftlichen Konstruktionen hat noch heute ihren merkwürdig stimmungsaufhellenden, erheiternden, ja seelentröstenden Effekt. Sie weckt auf eine schwer beschreibbare Weise die niemals ganz verlorene Sehnsucht nach Harmonie, Liebe, Schönheit und Glück. Zugleich führt Fourier uns vor Augen, wie eine entfesselte Phantasie und die entschlossene Parteinahme für die Möglichkeitswelt des Imaginären zum Erkenntnisinstrument werden kann.

So wie Rimbaud mit seiner Lyrik die »Entregelung der Sinne« vorantrieb, begünstigt Fourier eine Art Entregelung des Denkens; wir verdanken ihm eine Anleitung zu methodischer Unvernunft, zum theoretischen Leichtsinn oder zur systematischen Unseriösität. Sein rührend naives Vertrauen in die Kraft des Imaginären beschämt die trostlose Nüchternheit des Pragmatismus und belebt eine fast schon verloren geglaubte Fähigkeit zur kritischen Träumerei. Und -natürlich darf, wie selten in der Philosophie, auch gelacht werden;  Fouriers aberwitzigen Einfälle und Berechnungen über den Kosmos der Zukunft wirken manchmal wie eine satirische Parodie ihrer selbst. Das herablassende Schmunzeln über Abstrusitäten – wie die Aufforstung der Sahara, die Verwandlung der Ozeane in Limonade oder die Erschaffung von Gegen-Giraffe und Anti-Krokodil –  schlägt indessen bald um in das Bewußtsein von der eigentlichen Lächerlichkeit der allgegenwärtigen politischen -Sachzwang-Apologeten, der arrivierten Realitätsanpassungsvirtuosen und Notwendigkeitspriester, die uns den Zugang zur Möglichkeitswelt mit dem grauen Beton ihrer langweiligen Vernünftigkeit vermauern wollen. Die Philosophin Elisabeth Lenk bemerkt über den radikal anti-realistischen Glücksutopisten sehr klug:

»Fourier behauptet…, daß das unendliche Große, der Kosmos, auf das Glück des kleinen Menschen hin angelegt sei. Dieser einer Jahrtausende alten Evidenz widersprechende Satz scheint heute absurd. Aber es liegt darin ein abgründig humoristisches Moment insofern, als die Verrücktheit, die menschlichen Wünsche in den Mittelpunkt des Universums zu rücken, uneingestandene Verrücktheit aller Menschen ist, noch derer, die über Fouriers methodischen Wahnsinn nachsichtig lächeln. Fourier hat daher die Gegenfrage gestellt, ob nicht vielleicht gerade die anderen verrückt seien, all jene, die immer gleich bereit sind, sich zum Anwalt glücksfeindlicher Notwendigkeiten zu machen und die doch selber niemals aufhören, auf die Erfüllung ihrer Wünsche hinzuarbeiten. Ist nicht deren vernünftig-erwachsene ‘Einsicht in die Notwendigkeit’ bloße Heuchelei und ebenso absurd wie es die ‘Liebe zur Verachtung seiner selbst’ wäre? Fouriers System ist die Kühnheit, nicht nur der menschlichen Gesellschaft, sondern dem Kosmos und schließlich Gott selbst die Erfüllung aller menschlichen Wünsche abzutrotzen.« (Einleitung zur dtsch. Ausg. v. »Theorie der vier Bewegungen…«, Ffm. 1966, S. 9)

Charles Fourier selbst war kein Sonntagsglückskind wie LaMettrie und wurde auch nicht mit dem Silberlöffel im Mund geboren wie der Marquis de Sade. Sein Leben gleicht einer Serie von Nackenschlägen, Niederlagen und Plackereien. Als François-Marie Charles Fourier wird er – ein Generationsgenosse Hegels, Hölderlins und Schellings – am 7. April 1772 in Besançon geboren, als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers, der aber unglücklicherweise stirbt, als das Kind 9 Jahre alt ist. Fortan muß sich der hochbegabte Sohn mit der geizigen, bigotten Mutter um seine Ausbildung streiten. Nach dem humanistischen Gymnasium möchte er Wissenschaftler werden oder in den Staatsdienst. Aber dieser steht ihm als Nicht-Adligem nicht offen, und ein Studium will die Mutter nicht bezahlen. Sie zwingt den Jungen in einen Beruf, den er zeitlebens mit der ganzen Kraft seines leidenschaftlichen Herzens verabscheuen wird: Er muß Kaufmann werden, wird zu Tuchhändlern in die Lehre gesteckt und verdingt sich dann als Handlungsreisender. Während Frankreich in den Wirren der Revolution versinkt, lernt er Marseille und Bordeaux kennen, dann Holland, Deutschland und die Schweiz, doch sein Bildungshunger bleibt ungestillt. Eine Chance scheint sich aufzutun, als er 1793 volljährig wird und sein väterliches Erbe, immerhin 200.000 Francs, antritt. Er geht nach Lyon, investiert die Hälfte der Erbschaft in Kolonialwaren und macht sich als Kaufmann -selbständig. Aber er hat nicht das Glück seines anderthalb Jahrzehnte jüngeren Zeitgenossen Schopenhauer, der sich mit Hilfe seines Erbes vom Kaufmannsfluch befreien und an die Universität wechseln kann.

In Frankreich herrscht noch immer Bürgerkrieg. Das aufständische Lyon wird von den Truppen des revolutionären Konvents nach 4-monatiger Belagerung eingenommen. Fourier, der aufseiten der Förderierten gekämpft hat, muß mitansehen, wie man all seine Waren herzlos beschlagnahmt und fortschleppt. Er selbst wird auf der Flucht verhaftet und erlangt nur durch die Vermittlung eines jakobinischen Schwagers die Freiheit wieder. Diese währt nur kurz. In der allgemeinen levée en masse wird er zwangseingezogen und mit einem Kürassierregiment an den Rhein geschickt. Als er 1796 aus der Armee entlassen heimkehrt, findet er sich ruiniert. Sein Onkel hat die ihm anvertraute zweite Hälfte der Erbschaft inzwischen restlos verspekuliert. Ohne einen Sous in der Tasche muß sich Fourier wieder als Handlungsreisender durchbringen. Das Leben droht zu verrinnen, ohne daß er seinem Traum von Bildung und Wissenschaft einen Schritt näher kommt. Dabei keimen bereits die ersten Ideen für einen großen Plan. Der Rausch der Revolutionszeit ist verflogen, aber noch ist die Idee virulent, die die Völker Frankreichs und Amerikas beflügelt hatte und die Saint Just vor der Nationalversammlung als neues europäisches Ideal proklamierte: die Idee des irdischen Glücks, auf das jeder freie Mensch Anspruch erheben und das er für sich verfolgen darf. Nur, um mit Brecht zu sprechen, »die Verhältnisse, die sind nicht so«, daß dieses Glück sich per Dekret einstellen würde. Es muß gemacht, organisiert, auf soziale, ökonomische und politische Fundamente gebaut werden. Fourier fühlt sich berufen, daran zu arbeiten. Sein Ehrgeiz ist groß. Wenn ein dahergelaufener korsischer Leutnant zum General, zum Konsul, ja zum Kaiser der Franzosen aufsteigen kann, warum soll dann ein kleiner Textilvertreter nicht zum sozialen Erlöser werden dürfen?

Fourier stellt Beobachtungen und Berechnungen an; er registriert die Faktoren, die dem Individuum im nachrevolutionären Frankreich statt Schönheit, Freude und Lebensglück immer nur noch mehr Sorgen und Elend aufbürden. Als Kaufmannsgehilfe in Marseille wird er 1799 Zeuge, wie seine Arbeitgeber in schlimmer Hungerzeit eine ganze Schiffsladung Reis ins Meer kippen lassen, um die Preise hoch zu halten. Fourier beginnt, die Ökonomie des Handels zu begreifen. Ihn hält es nicht mehr länger in seinem verhaßten Beruf, den er als gewerbsmäßigen Betrug verflucht. Aus dem raffgierigen Handel, der organisierten Habsucht, glaubt er lebenslang – leider übrigens mit reichlich antisemitischen Untertönen –, erwüchse alles Unglück der Gesellschaft. In einem verzweifelten Ausbruchversuch reist er nach Paris: Er muß jetzt unbedingt, komme was wolle, exakte Wissenschaften studieren, um seine Vorstellungen zu klären. Doch das Glück ist ihm wieder nicht gewogen. Schon 1800 erzwingt bittere Geldnot die schmähliche Heimkehr nach Lyon, wo er sich als Makler ohne Lizenz schlecht und recht durchzuschlagen sucht.

Es ist wie ein Fluch: Niemals wird es anders, nie dauerhaft besser werden. Von wenigen Jahren abgesehen muß Fourier sein gesamtes Leben in schlecht bezahlten, armseligen Jobs als subalterner kaufmännischer Angestellter fristen; den Hörsaal einer Universität wird der begabte Selbstdenker nie von innen zu sehen bekommen. Ein paar sozialreformerische Artikel hat er inzwischen in der Regionalzeitung veröffentlichen dürfen; sie tragen ihm nicht die Aufmerksamkeit des Publikums, sondern nur den Argwohn der Polizei ein. Zum Helden hat er nicht das Zeug, für einen Märtyrer der Idee ist er auch später stets zu schüchtern und zu vernünftig. Es bleibt nur der Rückzug und verdoppelter Eifer beim nächtlichen Selbststudium. Er hat keine Wahl, er muß als Autodidakt seinen Weg suchen. Charles Fourier verkörpert auf prototypische Weise die prekäre Existenz eines ehrgeizigen Autodidakten. Ohne Ordnung, Systematik und Methode verschlingt er wahllos, was ihm an Wissensstoff zugänglich wird; getrieben von wechselnden Faszinationen und naiven Begeisterungen, ohne Kenntnis der Zusammenhänge, Proportionen und Gewichte studiert er drauflos, grübelt, kombiniert, rät und rätselt, sammelt das Treibgut der Diskurse, ersetzt Wissenslücken durch Vorstellungskraft und läuft dabei Gefahr, sich aus willkürlich zusammengerafften Fragmenten ein ziemlich windschiefes Weltbild zu basteln. Von Geld- und Zeitnot bedroht, in permanenter Überanstrengung, immer im Ungewissen darüber, wo er steht und was er kann, ist er hin- und hergerissen zwischen der Einsicht in seine rudimentäre Bildung und der Ungeduld, fertig zu werden, etwas zu schaffen, selber zu schreiben und mehr noch, das Selbstgedachte so rasch wie möglich in die Praxis umzusetzen.

In seltenen Fällen lassen sich die Defizite des Autodidakten in positives Kapital ummünzen. Ungeschult, ohne akademische Disziplinierung, uneingeweiht in die Gepflogenheiten eines methodisch kontrollierten und gesicherten wissenschaftlichen Denkens, bewegt Fourier sich auf dem Feld der Theorie mit der naiven Kreativität eines Kindes. Nicht ohne Ressentiment gegen die privilegierten Besitzer des Bildungskapitals, bezieht er seine Kraft aus dem in hochmütiger Einsamkeit kultivierten Bewußtsein der eigenen Begabung. Vergleichsweise unbeeindruckt von der Last akkumulierten Wissens nimmt er sich die Freiheit zu assoziativen Spekulationen und verwegenen Verknüpfungen; kindlich staunt er über Ähnlichkeiten und Analogien, die ein »normaler« Wissenschaftler für belanglos oder selbstverständlich hielte; er gerät in -Verzückung über Zufallsfunde, verborgene arithmetische Übereinstimmungen und unerwartete Zusammenhänge; was unklar bleibt, reimt er sich irgendwie zusammen und macht sich seinen eigenen Vers darauf. Sein »wildes Denken« ähnelt strukturell dem, was Lévi-Strauss bricolage nannte, einer intellektuellen Bastelei. So ein herumbastelndes, phantastisches, partiell mythisches und poetisches Denken, ungezügelt und »entregelt«, spottet aller wissenschaftlichen Seriösität – und dennoch, bzw. nein: gerade deswegen führt es zu erstaunlichen Ergebnissen.

Bei Fourier ist es die Begegnung mit dem Werk Isaac Newtons, die ihm zu seinem Grundeinfall verhilft. Wie bei einer dieser zunächst unscheinbaren japanischen Wunderblumen aus Papier, die, ins Wasser gesenkt, sich zu bunter Blütenpracht ausfalten, entspringt diesem Einfall innerhalb weniger Jahre ein wahres Wunderwerk der theoretischen Imagination. Zu der Zeit, in der der Geheime Rat Goethe sich in Weimar mit einer Steuerreform herumplagt, Hegel in Jena über der »Phänomenologie des Geistes« brütet, und Napoleon I. sich anschickt, ganz Europa zu erobern, wird in Lyon, von der Öffentlichkeit noch weitgehend unbemerkt, die universal-kosmische Weltglücksformel entdeckt. Im Jahre 1808 präsentiert der stolze Autodidakt unter dem Titel »Theorie der vier Bewegungen und der allgemeinen Bestimmungen« seinen ersten großen Wurf: ein umfassendes kosmo-erotisches System der Sozialökonomie, nichts geringeres als eine komplette Gebrauchsanleitung des Universums nebst Prospekt über die nächsten 70.000 Jahre Menschheitsgeschichte, ergänzt um einen detaillierten Bauplan für die Konstruktion des Menschheitsparadieses aus dem Geist des Schlaraffenlands. Uralte Menschheitsprobleme löst das System mit verblüffender Schlüssigkeit: Die Versöhnung von Arbeit und Lust, von Eros und Ökonomie, von gesellschaftlichem Zwang und persönlicher Freiheit.

Die initiale Erleuchtung kommt Fourier, als er sich in Newtons universale Theorie der Gravitation vertieft. An der Kraft großer Massen, Materie in ihren Bann zu ziehen und damit Zusammenhalt und Balance des gesamten Planetensystems zu gewährleisten, entzündet sich seine Phantasie. Einem akademisch gebildeten Physiker des 19. Jahrhunderts wird an der schwerkraftstheoretischen Kraft-Masse-Gleichung nichts wunderlich vorkommen; dem »wilden Denken« des Autodidakten eröffnen sich durch sie völlig neue Perspektiven. Von Himmelskörpern hat er zwar keine Ahnung; die Planeten sind ihm bislang nur in den astrologischen Spekulationen des Barock-Astronomen Kepler begegnet, aber mit anderen rätselhaften Anziehungskräften hat er schon seine Erfahrungen gemacht. Seit jungen Jahren beobachtet (und erleidet) er die erotische Anziehungskraft, die das Zusammenspiel der Geschlechter beherrscht. Ist die unerklärliche Schwerkraft, mit der das Begehren die Menschen zueinanderzieht und aneinander bindet, nicht eine vollkommene Analogie zur planetarischen? Und wenn nun die Kraft, die Planeten zusammenzwingt, und die, die Männer und Frauen umeinanderkreisen läßt, sogar irgendwie ein- und dieselbe wäre? Wenn also, mit anderen Worten, es ein und derselbe Eros wäre, die Kraft der »leidenschaftlichen Anziehung«, durch deren Energie sowohl das materielle Universum, die Gesellschaft wie auch das individuelle Leben der Menschen beherrscht würde? Die Natur leistet sich nicht mehr Gesetze und Grundkräfte, als nötig. Gott ist der erste Ökonom. Er ist mit einer universalen Kraft ausgekommen, um den Kosmos zusammenzuhalten: mit der leidenschaftlichen Anziehungskraft, der Attraktion.

Sicher, im gesellschaftlichen Leben ist die erotische Attraktion nicht nur Quelle der Freude, Wollust und Schönheit, sondern potentiell auch die Ursache von Chaos, Verwirrung und Leid. Aber wenn es nun gelänge, das Wirken und Walten der universalen leidenschaftlichen Anziehung in angemessener Weise im gesellschaftlichen Zusammenleben zu organisieren und zu nutzen – hielte man damit nicht den Schlüssel zu einer globalen, ja universalen Harmonisierung und Humanisierung von Natur und Gesellschaft in den Händen? Fourier kann nicht begreifen, warum man in zweieinhalbtausend Jahren Philosophiegeschichte nicht ein einziges Mal dieser Frage nachgegangen ist. Der Weg von der spekulativen Frage zur messianischen Gewißheit ist bei ihm kurz. Wer einmal entdeckt hat, was buchstäblich »die Welt im Innersten zusammenhält«, der kann sich nicht mehr mit langen Detailstudien und langwierigen wissenschaftlichen Ableitungen und Grundlegungen aufhalten. Aus einer vagen, träumerischen Idee wird System und Überzeugung und aus diesen eine berauschende, in tausend bunten Facetten schillernde Vision. Fourier stürzt sich mit fliegender Feder in die Arbeit an seinem ersten Buch, das die Welt in ihren Grundfesten erschüttern soll.

Ähnlich wie  Hegel sich nicht im mindesten wundern wird, warum es ausgerechnet einem schwäbischen Gymnasialprofessor in einem Provinzkaff vergönnt sein soll, die »Gedanken Gottes vor der Schöpfung« zu entziffern, erfüllt es Fourier allenfalls mit milder Befriedigung, daß ein ungebildeter Ladenschwengel aus Besançon die Weltformel für die Harmonisierung von Universum und Gesellschaft entdeckt. Einer muß es ja mal machen. Ohne falsche Bescheidenheit heißt es:

»Ein einfacher Handelsangestellter wird die politischen und moralischen Bibliotheken, diese schmählichen Früchte antiker und moderner Gaukelei, der Lächerlichkeit preisgeben. Es ist nicht das erste Mal, daß Gott sich des Einfältigen bedient, um den Hoffärtigen zu demütigen, und daß er den Unbekannten auswählt, um der Welt die wichtigste Botschaft zu bringen.«

Die »wichtigste Botschaft«, deren Erstdruck Fourier aus eigenen Ersparnissen finanziert, ist ein monumentales System, und da er es sich nicht nehmen läßt, die Utopie bis in die absurdesten Einzelheiten auszumalen, ist sie auf knappem Raum schwer zusamenzufassen. Ich kann Ihnen nur ihren Grundriß skizzieren. Fourier glaubt, das seit Jahrtausende verschüttete Geheimnis des vollkommenen sozialen Glücks wieder entdeckt zu haben – die Organisation des harmonischen menschlichen Zusammenlebens in Assoziationen oder, wie er sagt, progressiven Serien, die auf die Kraft der Anziehung gegründet sind. Zunächst gilt es, mit dem Unfug der Vergangenheit aufzuräumen. Das Werk beginnt mit einem einzigen großen Fluch auf die Philosophie, die in zweieinhalb Jahrtausenden nichts als leeres Geschwätz hervorgebracht und das Elend der Menschen um keinen Deut verringert hat. Nach dem Muster Descartes’ beginnt Fourier mit »absoluter Skepsis« gegenüber dem Wissen der Tradition und »absoluter Distanz« gegenüber dem Geist der eigenen Zeit. Einem Autodidakten, der sein Leben nicht damit vertun kann, das gesamte bestehende Weltwissen aufzuarbeiten, liegt es näher, ganz bei Null anzufangen. Die Philosophie hat über das Glück immer nur gerdet, es kommt aber darauf an, es zu realisieren! Die Moralphilosophen haben dabei die Triebe, Leidenschaften und Wünsche der Menschen immer nur benörgelt; die Aufgabe besteht aber nicht darin, die Menschen zu ändern – das kann man ohnehin nicht –, sondern ihr Leben so zu organisieren, daß sich ihre Leidenschaften positiv harmonisieren und so produktive Kräfte freisetzen. Während die Kommunisten sich das Idealbild eines »neuen Menschen« zusammenfabulieren, an dessen Irrealität später ihr System unter Gewalt und Elend zugrundegehen wird, verlangt Fourier, von dem auszugehen, was ist, nicht dem, was sein soll. Und was ist, ist im Prinzip gut genug, um einen Anfang zu machen.

Fourier ist ein dezidierter Anti-Gnostiker. Das Universum scheint ihm im Prinzip gut und gelungen, die Natur sinnreich und harmonisch, und Gott, der kein Gott der Moral, der Strenge und des Verbotes ist, sondern ein Gott der Wollust und der Leidenschaften, wollte zweifellos, daß die Menschen glücklich werden. Die Mittel hat er bereitgestellt – man muß sie nur kennen und zu nutzen wissen. Die »Theorie der vier Bewegungen« besagt, daß nicht allein die materielle, sondern auch die organische, animalische sowie die soziale Bewegung dem Gesetz der Attraktion, der leidenschaftlichen Anziehung, unterworfen sind. Die Tendenz, Newtons Schwerkraftgesetz zu universalisieren, ist im 18. Jahrhundert verbreitet. Fourier stellt nur die Verhältnisse um; seine Theorie ist so gnadenlos anthropozentrisch wie das magische Denken eines Kindes. Für ihn steht es außer Zweifel, der Mensch ist nicht nur für sich selbst, sondern auch für Gott der Mittelpunkt des Universums. Der Kosmos ist im Prinzip geschaffen, die Menschen glücklich zu machen; je klüger sie ihre Gesellschaft organisieren, um so mehr wird er ihnen dienlich sein können. Die »soziale Bewegung« ist somit das Urphänomen des Kosmos, der alle anderen Ordnungen analog nachgebildet sind. In sonderbarer Umkehrung der Perspektive macht Fourier die Gesellschaft dafür verantwortlich, wenn etwas in der Natur nicht stimmt, wenn sie feindselig oder gleichgültig gegen den Menschen auftritt. Das ist nämlich keineswegs im Sinne des buchstäblich »lieben« Gottes. Die Menschen haben sich unglücklicherweise vom göttlich-kosmischen Prinzip abgewandt, indem sie die kalte, kalkulierende Vernunft – anstelle der Leidenschaften – zum Herrscher über die menschliche Natur machen wollten. Schuld daran sind Theologen, Moralisten, Philosophen, all jene, die sich unentwegt um die Verbesserung, Veredelung und ortho-pädagogische Umerziehung der Menschen gesorgt haben, anstatt aus dem, was er ist, das Beste zu machen.

Fourier erteilt dem klassischen christlich-abendländischen Projekt des Humanismus eine Absage. Der Mensch muß gar nicht verbessert werden; an seinen von Gott geschaffenen Leidenschaften philosophisch-pädagogisch-polizeilich herumzudoktern ist überflüssig und kontraproduktiv, sie sind allesamt gut, wie sie sind – sie müssen nur in richtiger Form gelebt und zusammengeführt werden, und Fourier weiß auch wie. Aber verweilen wir noch für einen Moment beim Kosmos. Über ihn und seine Bewegungsgesetze hat Fourier sehr genaue, wenn auch recht abenteuerliche, barocke und kabbalistische Vorstellungen, die er den astrologischen Spekulationen des Astronomen Kepler über die »Harmonia Mundi«, die Welten-Harmonie, entnimmt. Fourier ist sich über die Existenz zahlloser Planeten sicher, auf denen ebenfalls Menschen leben; alle diese Gestirne bilden wie die Erde gleichfalls Mittelpunkte des Universums, das also in Wirklichkeit ein »Bini-«, »Trini-« usw. bis hinauf zum »Octaversum« darstellt. Der Naturzustand dieser Welten ist jeweils abhängig von der sozialen Entwicklung der in ihnen lebenden Menschen. Die meisten sind viel weiter entwickelt als wir. Die Erde gehört zu den unglücklichsten Planeten, weil hier Dummheit, Habsucht und Grausamkeit der Menschen sich ausbreiten konnten; die anderen Planeten und ihre Bewohner meiden uns daher momentan wie Pestkranke. Das würde erklären, warum wir unsere Nachbarn nicht zu Gesicht bekommen; aber das kann sich ändern.

Auf der Erde hat es bislang zwei Schöpfungen gegeben. Die erste, eine Versuchsschöpfung, ist Gott im Überschwang der Schöpfungslust ein paar Nummern zu groß geraten, was wir an Saurierskeletten und Fossilien abmessen können; per Sintflut hat er sie wieder ausgewischt. Der zweite Versuch ist auch noch sehr mangelhaft; für Stagnation und Dürftigkeit ist jedoch die menschliche Gesellschaft verantwortlich. Wenn sie nach Fouriiers Prinzipien sinnvoll umgestaltet wird, geht es mit den Schöpfungen wieder voran, von denen dann noch 14 weitere zu erwarten sind, eine schöner als die andere. Eine eigentümlich inverse Theodizee: Die Existenz des Bösen, Häßlichen und Gemeinen, sagen wir beispielsweise: von Spinnen, Ratten und »130 Arten ekligen Gewürms«, die versalzene Ungenießbarkeit des Meerwassers, die Unwirtlichkeit vieler Landstriche, ja selbst das schlechte Wetter Mitteleuropas sind Spiegel, in denen Gott den Menschen vorhält, wie sehr sie mit Gewalt, Vernunftkult und Triebrepression auf den falschen Weg geraten sind. Wenn die menschliche Harmonie auf der Erde verwirklicht wird, zieht das kosmische Veränderungen ungeahnten Ausmaßes nach sich. Durch gewisse planetarische und geoklimatische Transformationen hindurch wird es dann die 14 weiteren Schöpfungen geben. Es werden präzis 549 neue Tierarten entstehen, davon sieben Achtel zähmbare und nützliche.

Wir werden die Evolution der Anti-Ratte, des Anti-Löwen und der Anti-Krokodile erleben, die Verwandlung Europas und der nordpolaren Gebiete in eine Sommerfrische, die Aufforstung der Wüsten und die Umwandlung des Meerwassers in ein limonadenähnliches Getränk namens »Zedernsäure«. Die Nähe der harmonisierten Menschheit werden Tiere suchen, die bislang noch zu scheu sind, sich nutzen zu lassen, namentlich das Zebra, der Strauß und der wegen seines Fleißes löbliche Biber. Verschwinden werden hingegen »die Klapperschlange, die Bettwanze, die Millionen Insekten und Reptilien, die Seeungeheuer, Gifte, Pest, Tollwut, Lepra, Geschlechtskrankheiten, Gicht«. All diese Widrigkeiten waren nur Reflexe des Schmutzes, des Unrechts und der Gewalt, die unsere erbärmliche Gesellschaft, die sog. Zivilisation, in sich angesammelt hat; häßliches, gemeines, schädliches Getier ist ein von Gott in der Natur angebrachtes Zeichen, uns unsere eigene Häßlichkeit und Gemeinheit vor Augen zu führen; sie verlieren in der Zukunft ihre Funktion. Korrigiert werden bei der Gelegenheit auch gewisse »Schnitzer Gottes« bei der Schöpfung, unbequeme Meerengen und verkehrsungünstige Gebirge beispielsweise, auch unwirtliche Temperaturen, unfruchtbare Gebiete und ähnliche Webfehler der zweiten Schöpfung. Die globale Nachbesserung von Klima, Boden und Geostruktur wird für die 2 Milliarden dann lebenden Menschen ungeheure Reichtümer bringen, höchste Lebensqualität und wundervolle blühende Landschaften, dazu köstliche neue Früchte, leckere Fischsorten, delikate Quittenkompotts und, sieben Achtel des Jahres, schönes Wetter für alle.

Ich sehe Sie schmunzeln. Zugegeben, so isoliert erwecken solche Voraussagen einen gewissen Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit des Autors. Er beruhigt uns  hierüber aber wieder, in dem er, seiner Höhenflüge  überdrüssig, plötzlich abbricht mit der nonchalanten Bemerkung, dies alles sei »mehr Merkwürdiges als Notwendiges, man kann es überspringen und zu den folgenden Kapiteln übergehen…«. Das sollte man allerdings keinesfalls tun; nicht nur wegen des hohen Unterhaltungswertes dieser überaus präzise ausgeführten und akribisch bezifferten Spinnereien, sondern wegen ihrer text-pragmatischen oder performativen Wirkung. Mit ihren über-exakten Zahlenangaben, peniblen Tier- und Pflanzen-Taxinomien und überaus detailfrohen Belegen wirken Fouriers Ideen wie eine grandiose satirische Parodie der positivistischen Wissenschaften. Sie haben für den Leser einen irgendwie, wenn das veraltete Wort erlaubt ist, -psychodelischen, bewußtseinserweiternden Effekt. Ihre Textpragmatik ist die einer geistigen Lockerungs- oder Dehnübung. Der Leser stürzt in einen Taumel phantastischer Entgrenzungen, in dem kein Stein der versteinerten Realität mehr auf dem anderen bleibt; alle vermeintlichen Sachzwänge, Unumgänglichkeiten, Naturgesetze oder Vernunfteinsichten werden außer Kraft gesetzt, der Intellekt befreit sich bei suspendiertem Realitätsprinzip aus der Schwerkraft der langweiligen, trostlosen Wirklichkeitswelt, um sich lustvoll dem Zauberspiel der unbegrenzten Möglichkeiten hinzugeben. Der leicht träumerische, gewissermaßen trance-zendente Bewußtseinsschwurbel, den die Lektüre hervorruft, ist die ideale Mental-Haltung, um sich Fouriers ernster zu nehmenden Sozialtheorien zu öffnen.

Glück ist für Fourier das höchste Prinzip der Seligkeit erfüllter Leidenschaft. Gott hätte uns kein leidenschaftliches Glücksverlangen eingepflanzt, wenn er es nicht auch zu erfüllen beabsichtigt hätte. Es liegt bei uns, den von Fourier entdeckten »sozialen Kompaß« zu benutzen, um das Glück zu organisieren. Das liegt in unserer Verantwortung, da Gott auf die Verwendung autoritärer Mittel verzichtet. Er hätte ja, so Fourier unwiderleglich, durchaus mächtigste Polizeischergen erschaffen können, sagen wir z. B. 9,7 Fuß hohe amphibische Giganten in der Art »Godzillas«, um uns zur Raison zu bringen; die Existenz der Blauwale beweist, er kann so etwas. Er verzichtete aber darauf, weil er allein der Kraft der Attraktion, der listigen Vernunft der Leidenschaften vertraut, und daß wir sie irgendwann begreifen und anwenden. Menschliche Leidenschaften gibt es reiclich, nach Fouriers Berechnung sind es übrigens genau 1620:

»Die Leidenschaften bilden ein Orchester von 1620 Instrumenten; unsere Philosophen, die es dirigieren wollen, gleichen einer Legion von Kindern, die in die Oper einbrechen, sich der Instrumente bemächtigen und eine fürchterliche Katzenmusik veranstalten; soll man daraus schließen, daß die Musik den Menschen feind sei und daß man die Geigen unterdrücken, die Bässe zum Schweigen bringen und die Flöten ersticken müsse? Nein; man sollte diese kleinen Tölpel verjagen und die Instrumente wieder Experten übergeben.«

Die größte Tölpelei bestand in der maßlosen Überschätzung der Vernunft. Wie LaMettrie, de Sade, Schopenhauer, Nietzsche oder Freud, nur in anderer Sprache, ist Fourier überzeugt von der Dominanz der -Triebimpulse, die er Leidenschaften nennt. Sie sind in Wahrheit der Sitz der Autonomie und Selbstbetätigung des Menschen. Freilich versteht er die Leidenschaften nicht als rein leibliche, materiell-sinnliche Triebe oder Instinkte; sie besitzen geistig-seelische Aspekte, d. h. soziale und kulturelle Elemente. Er unterscheidet dabei fünf sensuelle, auf das Wohlleben gerichtete Triebe, vier affektive oder Gruppenleidenschaften und drei von ihm erst entdeckte soziale Leidenschaften. Erstere basieren auf den fünf Sinnen und bezeichnen Schaulust, Hörgenuß, Tastvergnügen, gastronomischen Appetit und Riechlust. Die vier Gruppenleidenschaften sind Freundschaft, Ehrgeiz, Liebe und Familientrieb. Diese neun bilden seit jeher gemeinsam den Motor aller sozialen Bewegung. Ihren eigentlichen höheren Sinn, der in ihrem harmonischen Zusammenwirken besteht, gewinnen sie aber erst durch die drei sozialen Leidenschaften, die das System krönen. Es sind dies a) die Streitlust (cabaliste), die Leidenschaft zu allen agonistischen Tätigkeiten, vom Wettkampf über die Diskussion bis zur Intrige; b) der Schmetterlingstrieb (papillonne), die menschliche Ur-Lust auf Veränderung, Abwechslung, Vielfalt und die Vermeidung von Langeweile und Monotonie, sowie c) die Begeisterung (composite), das Hochgefühl des Enthusiasmus im Selbst- und Daseinserleben bei allen lustvollen, erhebenden und inspirierenden Tätigkeiten, der Selbstgenuß im Gemeinschaftsgefühl und der Geselligkeit.

Die genaue Analyse dieser menschlichen Leidenschaften und Triebkräfte, deren unterschiedliche Komposition dann zu den 1608 Unterarten und Spezifikationen führt, ist von grundlegender Bedeutung. Allein die Leidenschaften sind es ja, die den Menschen dazu bringen, zu handeln. Das gilt für Arbeit und Erholung, Kultur, Kunst, Liebe und selbst die alltäglichsten Verrichtungen. Ob einer seinen Garten bebaut oder schönen Frauen nachjagt, sich an der Werkbank betätigt, angelt, Schach spielt oder Münzen sammelt; ob man Intrigen spinnt, Wettkämpfe ausficht oder Picknicks organisiert, ob man im Chor singt, Gitarre spielt oder die Sterne beobachtet; ob man Häuser und Brücken baut, Felder bestellt oder Tiere züchtet, ob man Quittenkompott löffelt oder Lesbierinnen zuschaut; was immer Menschen unternehmen, sie tun es, weil ihre Leidenschaften sie dazu treiben. Die niederen sensuellen und die affektiven Triebe richten sich auf elementare Befriedigungen: Wein und gutes Essen, die Freuden der Liebe, die soziale Anerkennung und die Befriedigung der Selbstschätzung.

Erst die drei höheren sozialen Triebe allerdings bilden den Schlüsel zu aller sozialen Kultur. Streitlust und Begeisterung, modern gesprochen: Die Lust auf Selbstverwirklichung in agonaler Konkurrenz und andererseits das Streben nach Solidarität, Geselligkeit und gegenseitige Anerkennung stellen die Grundpole des sozialen Lebens dar. Besonders stolz ist Fourier aber auf die Entdeckung des Schmetterlingstriebes. Wenn eines die Kräfte des Menschen lähmt, ihn veröden läßt und reduziert, dann ist dies die Langeweile. Der Mensch haßt es, sich zu langweilen. Um aufzublühen und sich zu entfalten, braucht er Abwechslung, Anregung, Herausforderung, Inspiration. Jeder weiß doch, wieviel angenehmer sich eine Arbeit anfühlt, wenn sie mit Abwechslung, Kreativität und Vielfältigkeit verbunden ist. Gerade in der Analyse der Arbeit wird offenbar, daß die eigentlichen Produktivkräfte der menschlichen Gesellschaft im Zusammenspiel der Leidenschaften zu finden sind. Die Gesellschaft der Zukunft wird eben deshalb ungeahnte, fast märchenhafte Fortschritte machen, weil sie den Einsatz dieser Produktivkräfte sinnvoll organisiert und damit erst die ganze Fülle ihrer Energien freisetzt, die jetzt noch, in der Monotonie erzwungener und entfremdeter Arbeit, verkümmern.

Die organisatorische Grundeinheit der neuen Gesellschaft, die Fourier sich ausmalt, nennt er Assoziation oder, nach der alt-makedonischen keilförmigen Schlachtordnung, der Phalanx: Phalanstère. Dabei handelt es sich um eine Art demokratischer Agrar- und Industriekommune, verbunden mit den Errungenschaften einer hochmodernen, ausgeklügelten Stadt der Zukunft, die ihren Bewohnern allen erdenklichen Luxus und Komfort bieten wird. In solchen Phalanstères werden sich organisierte Gruppen oder progressiven Serien aller sozialen, kulturellen, sexuellen und Alterstufen zusammenschließen, Reiche und Arme, Bauern, Handwerker, Künstler und Techniker, Alte, junge Erwachsene und Kinder unterschiedlichster Charaktere, Temperamente und Fähigkeiten in ausgeklügelter Vielfältigkeit, um gemeinsam zu leben, zu arbeiten, zu feiern, zu lieben und zu genießen. Da die Leidenschaften das Verhältnis des Menschen sowohl zur umgebenden Natur wie andererseits zu den Mitmenschen bestimmen, erwächst aus ihrer ökonomischen Organisation das gesamte Gefüge von Produktion, Konsumtion und Distribution. Arbeit und Genuß werden mit der gleichen Leidenschaft kultiviert. Arbeit ist überhaupt nur menschenwürdig – und nur dann wirklich  produktiv –, wenn sie mit Liebe und Leidenschaft betrieben wird. Genuß ist nur dann human und kultiviert, wenn er aus tiefer produktiver Kenntnis seiner Mittel erwächst. Fourier, theoretisch ein passionierter Genießer, verdeutlicht dies am liebsten mit Beispielen aus der kulinarischen Sphäre. Nur der kann etwa einen allen hohen Ansprüchen genügenden Wein produzieren, dessen Zunge fein und kultiviert genug ist, diesen Wein wirklich in seiner spezifischen, von allen anderen Weinen unterschiedenen Nuance zu goutieren, also eigentlich nur der aktive Winzer, der auf diese Nuance leidenschaftlich versessen ist. Nur der kann die sensationellen Aromen eines speziell kreierten Quittenkompotts würdigen, der Zucht und Verdelung dieser herben Frucht als passionierter, hochspezialisierter Obstbauer leidenschaftlich betreibt. Wieviel Gleichgültig und Genußunfähigkeit herrschen dagen heute, wo unsere Kinder nicht mehr wissen, wo die Lebensmittel unserer Supermärkte überhaupt herkommen und wie sie produziert werden!

Noch grundlegender wichtig ist neben der Vereinigung von Produktion und Konsum die Versöhnung von Arbeit und Eros. Man kann seine eigene Erfahrung befragen oder die einschlägige Literatur über das menschliche Glück zurate ziehen – es gibt wohl kaum einen, der es nicht, vielleicht neben einem erfüllten Liebesleben, für das größte erreichbare Glück hält, eine Berufsarbeit zu finden, die den eigenen leidenschaftlichen Neigungen ohne Abstriche entspricht. Die moderne, etwas trivialisierte Formel dafür heißt: sein Hobby zum Beruf zu machen. Jeder weiß, um wieviel produktiver und zugleich lustbetonter eine solche Arbeit absolviert wird. Auf eben dieser Einsicht beruht die Organisation der Arbeit in Fouriers Assoziationen. Sie macht aus dem seltenen Glücks-Privileg Weniger den gesellschaftlichen Normalfall. Der Begriff der anziehenden Arbeit steht im Mittelpunkt von Fouriers Attraktionslehre und ist die Basis seines Gesellschaftsmodells. Eine harmonische Gemeinschaft glücklicher Menschen, in der liebevolle Arbeit, raffinierter Genuß und kultivierter Luxus das Leben bestimmen, kann nur funktionieren, wenn jedes Individuum seine Leidenschaften spontan ausleben kann, ohne den Mitmenschen oder die Ordnung des Ganzen zu gefährden. Das gilt ausdrücklich für alle Leidenschaften und jedes Begehren, vom sexuellen bis zum Schmetterlings- oder Abwechslungstrieb. Die menschliche Triebenergie fließt so ungehindert, ohne Zwang und Sanktion in die ökonomische Produktivität und verwirklicht damit Fouriers elementaren Ziele: die Beseitigung der Armut und die Garantierung des Rechts auf Sorglosigkeit für jeden einzelnen Menschen.

In Fouriers kunstvoll ausgeklügelter Ordnung gewinnt jede menschliche Handlung eine dreifache Bedeutung. Sie ist erstens grundsätzlich Ausdruck eines spontanen, individuellen Begehrens. Zweitens ist sie damit immer schon produktiv, weil jedes Begehren zur Herstellung oder Schaffung des begehrten Objektes anstachelt. Sie ist drittens, weil jede individuelle Leidenschaft zur objektiven Ordnung des Begehrens gehört, gesellig, ein sozialer, beziehungsstiftender Akt. Wegen letzterem neigen Menschen mit gleichen Neigungen dazu, sich zu Gruppen zusammenzuschließen. Um nur wenige Beispiele zu nennen: Schon die kleinen Kinder, nach Altersstufen geordnet, dürfen arbeiten. Kinder, die leidenschaftlich gern mit Dreck und Schlamm herummatschen, machen sich als Müllabfuhr-Brigade oder bei der Kanalreinigung nützlich; solche, die früh eine Bastelleidenschaft entwickeln, dürfen in der Tischlerei helfen, Zäunchen, Gatter und Käfige fürs liebe Zuchtvieh zu zimmern; Jugendliche, die zu Grausamkeit und Gewalttätigkeit neigen, wird man nicht bestrafen, sondern in den Schlachthäusern und Metzgereien werkeln lassen; Jungs, die auf Abenteuer in freier Natur aussind, wetteifern in Baubrigaden oder in der Forstwirtschaft; eher zärtlich-feminin geratene Jungsen schneidern lieber für die Damen oder kümmern sich um deren Frisur.

Kurz, bis in die feinsten Verästelungen der arbeitsteiligen Spezialisierung gehen die Menschen jeweils strikt ihren Leidenschaften, ihren ganz persönlichen Lieblingsneigungen nach und wenden sie zum Nutzen des Ganzen an. Unter den passionierten Gourmets wird es z. B. Jäger, Viehzüchter, Winzer, Bäcker, Köche, Pattissiers und natürlich Obstzüchter geben, unter diesen wetteifern dann etwa die Apfel- mit den Birnenzüchtern, unter letzteren wiederum die Liebhaber der Butterbirnen mit denen der Steinbirne oder den Gruppen der Quitten-, Kochbirnen- und Hybridenzüchtern usw. usf. Die Energie der leidenschaftlichen Anziehung betreibt die Wirtschaft wie ein erotisch-ökonomisches perpetuum mobile. Leidenschaftliche Lust ist das Motiv und die Triebkraft der Arbeit, und höchste Wollust bringt der Genuß des Produzierten. Ungeheure Produktivkräfte werden so freigesetzt – und nicht mehr, wie in der bürgerlichen Gesellschaft durch Unterdrückung, Arbeitslosigkeit, Krisen usw. sinnlos verschleudert. Das Leben verwandelt sich in eine einzige fröhliche Produktionsschlacht zur Verwandlung der Erde in ein blühendes Paradies. Die Mitglieder der Gemeinschaft leisten ihre Arbeit mit Leidenshaft und ziehen aus ihr, neben den materiellen Reichtümern, Freude und Genugtuung; der friedliche Wettstreit um Ehre und Anerkennung, die Lust an der Abwechslung und die durch die Freiheit der Liebe gewonnene Ausgeglichenheit führen zu einem Leben in unausgesetzten Glücksstrecken, wie Fourier in Analogie zur Pechsträhne formuliert.

Der Wetteifer betrifft die Produktion wie den Genuß. Die Entfaltung aller sozialen Leidenschaften führt zu einer allgemeinen, aktiv-kritisch vorangetriebenen Kultivierung, die die Methoden, Materialien und Technologien der Produktion genauso erfaßt wie das Raffinement üppiger, abwechslungsreicher, gesunder und kulinarisch vollkommener Mahlzeiten. So wie Konkurrenz-Trieb und Solidar-Trieb auf ihre Kosten kommen, wird auch dem Schmetterlingstrieb in der Organisation der Arbeit intensiv Rechnung getragen.  Monotonie und Langeweile werden vrbannt, Abwechslung ist alles. Keiner Arbeit soll ein Assoziationsmitglied deshalb länger als zwei Stunden am Tag widmen! Das ist die äußere Grenze. Wer morgens Croissants und Baguettes backt, geht vormittags angeln, schneidet mittags ein Kleid zu, ißt ausgiebig und köstlich, ruht dann, liest, spielt Theater, beaufsichtigt Kinder und gibt sich dann den Liebesfreuden hin – in der ihm genehmen Weise, versteht sich. Ein nützlicher Nebeneffekt besteht in der Vervielfältigung der Fähigkeiten; jedes Individuum erhält durch die 2-Stunden-Regel die Gelegenheit, auf unterschiedlichsten Gebieten ein Experte zu werden und seinen Ehrgeiz in den friedlichen Wettstreit mit den anderen zu legen, um seine Fertigkeiten zu vervollkommnen. Die fortgesetzte Differenzierung vervielfältigt parallel dazu die Bedürfnisse und die Genüsse, die immer verfeinerter werden. Neue Technologien werden das Wohnen und Arbeiten zu einer Luxuserfahrung machen. Eine Assoziation besteht aus weitläufigen marmorgeschmückten, ausgesucht komfortablen und geschmackvollen Gebäudeanlagen, verbunden mit Parks, Weiden, Wäldchen und Gewässern. Glasgedeckte, lichtdurchflutete und beheizte Galerien oder Passagen sorgen dafür, den Wechsel der Arbeit in gepflegtes heiteres Flanieren und Spazieren einzubetten.

Die Pointe des Modells – es kommt ohne Strafgesetz, ohne Moral, Verbote und Sanktionen aus. Es bedarf keiner moralisch-pädagogischen Erziehungsdiktatur, keiner verbindlichen Ideologie und keines Klerus. Fourier glaubt nämlich an die innere Vernunft, die in der Ordnung der Leidenschaften waltet, oder besser: an die heimliche List dieser Vernunft. Zwar folgt jedes Gemeinschaftsmitglied spontan und gleichsam anarchisch seinen je eigenen, individualistischen Leidenschaften; aber bei richtiger Organisation setzt sich, sozusagen hinter ihrem Rücken, vermittels der alles durchwaltende Attraktionskraft, die soziale Vernunft des Ganzen durch. Es gibt keine schädlichen Leidenschaften, nur falsch eingesetzte. Um Fouriers Überspitzung zu zitieren: Was den grausamen Kaiser Nero angeht, so hätte man ihn nur nicht auf den Kaiserthron setzen, sondern beizeiten den Metzgerberuf erlernen lassen sollen. Sogenannte negative Eigenschaften wie Habgier, Faulheit, Neid, Karrierismus oder Gewalttätigkeit entstehen in der bürgerlichen Gesellschaft, nur dort können sie sich ausbreiten und destruktiv werden. In der neuen Ordnung wird diese scheinbar negative Energie in positive, nützliche Bahnen geleitet. Ein reißender Fluß kann Brücken zerstören, er kann aber auch eine Mühle treiben. Es ist eine Frage der Organisation.

Im Grunde gibt es nur eine leidenschaftliche Beziehung, die einen Kurzschluß im Spiel der Attraktionen verursachen und die soziale Dynamik zum Stillstand bringen könnte: das Liebesverhältnis. Die Liebesunordnung der bürgerlichen Gesellschaft ist nicht nur die Quelle zahlloser Leiden, Schmerzen und Beschwerden, ihr entspringt überhaupt die größte Gefahr für eine humane Kultur. Wir nähern uns dem Abschnitt des Systems, mit dem Fourier die allergrößte Empörung provoziert hat: Um die neue Gesellschaft auf tragfähige Beine zu stellen, ist nicht weniger nötig als eine allgemeine, umfassende und tiefgreifende sexuelle Revolution, – die Beseitigung der patriarchalisch dominierten, monogamen, repressiven bürgerlichen Kleinfamilie und die Proklamation der freien Liebe!

Fouriers ganzer Zorn auf die Moralphilosophen bündelt sich im Fluch auf die Verteidiger der Monogamie und der Kleinfamilie. Patriarchalische Doppelmoral, Prostitution, Unterdrückung und Ausbeutung der Frau, Geld- und Zwangsheirat, Jungräulichkeitskult, Vergewaltigung, Einsperrung, Unfruchtbarkeit, Witwentum, Eifersucht, Hahnreitum, Repression der kindlichen Entfaltung, Haß, Intrigen, Betrug, Heuchelei, Egoismus, Arglist und Verlustangst – es gibt keinen Schmutz auf der Welt, der nicht mit der repressiven bürgerlichen Liebesunordnung verbunden wäre:

»In der Zivilisation sind die Liebesbeziehungen, ganz wie in der Politik, der Gipfel der Heuchelei; alle unsere Sitten wie Ehebruch und Hahnreitum, bezahlte Prostitution, Prüderie der Greise, Falschheit der Mädchen und Zügellosigkeit der Knaben sowie das geheime Luderleben aller Klassen beweisen, daß ein höherer Grad an Verderbtheit kaum noch möglich ist.«

Um einen vielleicht entstandenen Eindruck zu korrigieren – weitaus mehr, als sich die Wonnen der harmonischen Zukunft konkret auszumalen, hat Fourier sich der detaillierten Kritik des Bestehenden gewidmet. In seinen ätzenden satirischen Kommentaren zur erotischen Lage der Zivilisation, wie er die bürgerliche Gesellschaft in seinem geschichtsphilosophischen Phasenmodell nennt, läuft der Gesellschaftskritiker in Fourier zur Hochform auf. Ich weiß gar nicht, ob Alice Schwarzer und ihre Mitstreiterinnen Fourier gebührend zu würdigen wissen: Es gibt kaum zornigere und kompromißlosere Feministinnen und Kritiker der Frauenunterdrückung als den »sapphistischen« Lesben-Verehrer aus Besançon.

»Kann man auch nur einen Schimmer von Gerechtigkeit in dem Los erblicken, das den Frauen beschieden ist? Ist das junge Mädchen nicht eine Ware, jedem feilgeboten, der ihren Erwerb und Alleinbesitz aushandeln will? Ist ihre Zustimmung zum Ehebund nicht der blanke Hohn, erzwungen durch die Tyrannei der Vorurteile, die sie von Kindheit an bedrängen? […] Hier wie überall sieht man junge Mädchen dahinsiechen, krank werden und sterben, weil ihnen eine Verbindung fehlt, welche die Natur gebieterisch verlangt und die ihnen das Vorurteil unter Androhung der Entehrung versagt, solange sie nicht rechtmäßig verkauft sind. […] Die Männer sind den Frauen gegenüber so giftzüngig, so ungerecht, daß sie sie in jedem Fall verlästern, ob sie nun ihre Jungfräulichkeit bewahrt oder in einem Alter verloren haben, in dem es immer schlimmer wird, diese Bürde zu tragen. Was riskiert man denn, wenn man den Frauen über achtzehn Freiheit in der Liebe zubilligt, und welche Vorteile hat das Unterdrückungssystem der Philosophen bisher eingebracht?«

»Es ist verwunderlich, daß unsere Philosophen den Haß der antiken Gelehrten auf die Frauen geerbt haben und daß sie fortfahren, das schwache Geschlecht herabzusetzen…«

»Unsere Zivilisierten, die Frau und Esel vor den gleichen Karren spannen, kommen gar nicht auf den Gedanken, daß der Schöpfer die Frau dazu bestimmt haben könnte, in allen sozialen Bereichen mit dem Mann zu wetteifern und ein Gegengewicht zu seinem Einfluß zu bilden, der stets grob und bedrückend ist, da er einzig auf Gewalt gründet.«

»Darf man sich dann wundern, daß die Politik seit 2500 Jahren reine Männersache und ausschließlich mit Männerangelegenheiten befaßt ist, daß es noch niemals eine weibliche Politik gegeben hat, noch nie irgendeine Körperschaft, die sich damit befaßt hätte, die Rechte des weiblichen Geschlechts zu erweitern?«

»Zusammenfassung: die Erweiterung der Privilegien der Frauen ist die allgemeine Grundlage alles sozialen Fortschritts.«

Die bürgerlichen Ehe- und Familiengesetze unterdrücken die Persönlichkeitsentfaltung, beschmutzen die sexuelle Lust und besudeln die erotische Kultur; sie verhindern die Entwicklung wahrer Freundschaft zwischen den Geschlechtern und zwischen Kindern und Erwachsenen; sie halten schließlich die Hälfte der Menschheit, und vermutlich die bessere, davon ab, ihren Beitrag zum Wohlstand, zur Kultur und zur Bildung zu leisten. Aus seiner gesellschaftskritischen Analyse weiß Fourier auch um die tendenziell anti-sozialen, vereinzelnden und lähmenden Effekte der monogamen Sexualität. Für das Modell einer neuen harmonischen Gesellschaft auf der Basis der leidenschaftlichen Anziehung bedeutet dies, eine paradoxe Konsequenz zu ziehen – die Pflicht zur freien Liebe!

Leider verbietet mir auch hier der Zeitmangel, in die charmanten und witzigen Details zu gehen, aus denen gerade erst der inspirierende Reiz der Fourierschen Ideen resultiert. Nur so viel. In den Phalanstères soll es keine Kleinfamilien mehr geben, dafür eine mannigfaltige Vielzahl von Formen erotischer Bindung. Kinder sind Gemeinschatz der gesamten Assoziation; sie werden von allen gemeinsam erzogen, bzw. erziehen sich in ihren kleinen Brigaden selbst, wo ihre Unarten (Rauflust, Ungestüm, Wildheit) in nützliche Bahnen gelenkt werden. Das fröhliche, freie, durch lauter abenteuerliche, spannende und lehrreiche Aktivitäten erfüllte Leben der Kinder hat Fourier besonders liebevoll ausgemalt. Ansonsten finden sich Gruppen für alle Altersstufen, alle Neigungen und Begierden, und alle Formen der erotischen Gemeinschaft. Wer will, kann in zeitlich begrenzter Keuschheit leben, in einer Ehe auf Zeit oder sich zu einem Paar zusammenschließen, das viele erotische und freundschaftliche Neben- und Zusatzbeziehungen pflegt; es gibt Priesterinnen und Priester der Liebe, deren Ehre darin besteht, so vielen anderen Männern und Frauen wie möglich sexuelles Glück zu schenken; Polygynie und Polyandrie sind erlaubt und erwünscht, sowohl gleichzeitig als auch seriell; den Knaben und jungen Mädchen wird man kein Hindernis für ihre sexuelle Neugier entgegensetzen; man fördert die Beziehung zwischen reifen Frauen und unerfahrenen Jünglingen, zarten Mädchen und reifen Herren, um das Niveau der Liebeskunst zu heben. Alles ist erlaubt, was andere nicht schädigt oder kränkt; allein Besitzansprüche, Eifersucht, Einsperrung und Unterdrückung sind verpönt – sie ziehen zwar nicht Strafe nach sich, aber gesellschaftliche Unehre.

Fourier träumt von der Abschaffung dreier Menschheitsgeißeln: der Armut, der Langeweile und der sexuellen Frustration. Vervielfachtes, potenziertes, intensiviertes Liebesglück – auch hier ist der Schmetterlingstrieb so wenig zu vergessen wie der Intrigentrieb und der Freundschaftstrieb – setzt Energien frei, deren produktive Macht noch kaum absehbar ist. Freie, stolze, selbstbewußte Menschen entfalten eine Leistungs- und Genußfähigkeit, die alle bisher gekannten Grenzen sprengt. Es gibt in Fouriers  freizügiger Liebesordnung ein Charakteristikum, das sie strikt unterscheidet von der verlogenen, heuchlerischen, repressiv-entsublimierenden »sexuellen Befreiung« unserer Tage: dies ist die strikte Unterbindung sexueller Ausbeutung und die Abwesenheit jedes Jugendkultes. Sexuelle Erfüllung ist kein Privileg straffer Jugendschönheit. Fourier bricht das Herz angesichts des auch sexuellen Elendes der Alten und Einsamen. In den Phalanstères werden es Jünglinge und junge Frauen für eine Ehre halten, sich als »Engel« oder »Samariterinnen der Liebe« um die Bedürfnisse jener zu kümmern, die man vom bürgerlichen Liebesmarkt mangels Jugendfrische und Attraktivität längst ausgeschlossen hätte. Die derart beglückten Alten werden sich ihrerseits, mit ihren alterstypischen Vorzügen wie Lebenserfahrung, Vermögen, gesellschaftlichem Einfluß usw. revanchieren und auf diese Weise Bande der Liebe, des Respekts und der Freundschaft zwischen den Generationen knüpfen. Generell gilt:

»Laster heißt vor dem Gesetz der Attraktion alles, was die Zahl der Beziehungen vermindert, Tugend alles, was sie vermehrt…. Bei den ‘Polygynen’, die von Natur aus dazu neigen, die Liebe durch Freundschaft abzulösen, kommt die Unbeständigkeit ganz ausschließlich der Tugend zugute, denn eine polygyne [eigentlich ist wohl gemeint: polyandre, R. H.] Frau, die zwölfmal den Liebhaber gewechselt hat und allen Zwölfen die Freundschaft bewahrt, während sie ihre Liebe dem dreizehnten vorbehält, hat eben dank ihrer Unbeständigkeit zwölf freundschaftliche Bande geknüpft, die nicht existierten, wenn sie beständig geblieben wäre.«

Auch in der Erotik besticht das Modell durch die Abwesenheit äußerer, systemfremder Regulative. Die Ordnung der Leidenschaften ist ein autopoietisches, sich selbst steuerndes und regulierendes System, in dem die einzelnen Triebe bzw. Anziehungen wie perfekte Räderwerke ineinander greifen. Sanktionen, Verbote und entehrende Strafen sind überflüssig. Der soziale Begeisterungstrieb strebt ja von sich aus nach gesellschaftlicher Anerkennung. Die Organisation des Liebeslebens, das in den Phalanstères durchaus öffentlichen Charakter hat, beruht auf einer Hierachie der Anerkennung und der gesellschaftlichen Ehre. Es wird so etwas wie eine noblesse galante geben, einen Liebesadel, dessen Rangfolge durch Zahl und Art der Liebesbeziehungen bestimmt wird, die jemand gestiftet hat oder eingegangen ist. Die Rangfolge reicht hinauf bis zum Stande einer Art erotischer Heiliger, die sich besonders ausgiebig um die sexuelle Beglückung von Alten, Kranken und Häßlichen gekümmert haben. Der Wetteifer-Trieb sorgt dafür, daß jedes Mädchen und jeder junge Mann danach streben, in diesen Adel aufgenommen zu werden. – Fouriers Leidenschaft für Organisation und Systematisierung macht vor der Liebe nicht halt; uns will seine pedantische Organisation der Erotik mit ihren Klassen, Ämtern, Kombinationen und Festivitäten ein bißchen over-organized erscheinen. Eine gewisse Paradoxie läßt sich auch nicht leugnen: in Fouriers -Gesellschaft der freien Liebe, in der doch eigentlich alles erlaubt sein soll, geht es, wie Roland Barthes in einer schönen Studie gezeigt hat, beinahe genauso hochorganisiert, hierarchisch und methodisch zu wie in den peniblen Inszenierungen des Marquis de Sade.

Aber trotzdem, ich kann Ihnen versichern: Je länger man sich in Fouriers System vertieft, um so mehr wächst das Erstaunen über die Genialität dieses Autodidakten, der sich, Schritt um Schritt, immer weniger als phantastischer Schaumschläger und Wolkenkuckucksheimwerker erweist, sondern als sozialphilosophischer Denker, dessen Utopien eine sehr tiefe kritische Einsicht in die Gebrechen der bürgerlichen Gesellschaft verraten. Überdies ist sein krauses Werk eine wahre Fundgrube für geniale Einzel-Einfälle, wie zum Beispiel seine Theorie der Differenz. Jede Gesellschaft steht in einem Spannungsverhältnis zur Existenz des Individuums. Selbst oder gerade in einer Demokratie halten wir es für unumgänglich, daß sich das Individuum den Interessen der Sozialität unterordnet und einen Teil seiner individuellen, idiosynkratischen Singularität um des Ganzen willen opfert. Bekanntlich kann das bis zur verhängnisvollen und schwer erträglichen Diktatur der Mehrheit bzw. der Masse gehen. Fourier selbst besitzt, wie wir gehört haben, beispielsweise eine außerordentlich spezifische sexuelle Neigung, die ihn in der bürgerlichen Zivilisation noch einsamer macht als Angehörige der verfemten Gruppen der Homosexuellen, Sadomasochisten oder Fetischisten. Lassen sich solche Idiosynkrasien in seiner Assoziation ausleben? Wie wird die neue Gesellschaft zu den Devianten, den Abweichlern, Perversen und Dissidenten stehen? Wie frei ist die freie Liebe?

Der leidenschaftliche Systematiker und pythagoreische Zahlenfetischist bezieht auch hier seine Idee aus der Keplerschen Planetentheorie. Sie beinhaltet die Ansicht, die Harmonie der Welten beruhe zwar auf der Gesetzmäßigkeit der Planetenbeziehungen, benötige zu ihrer Balance jedoch auch geringfügige Abirrungen und Unregelmäßigkeiten. Fourier überträgt die Harmonie der Planeten auf das Orcheser der 1620 Leidenschaften, denen eine ebenfalls festgelegte Zahl von Verirrungen entspricht. Er hält es nun für ein allgemeines Naturgesetz, daß jeweils ein Achtel (manchmal auch: ein Neuntel) einer Gesamtheit notwendig irregulär oder deviant sein müsse, um die Stabilität der Ordnung zu gewährleisten. Sexuelle Sonderneigungen – auch sie bei einem Achtel aller Menschen vertreten – sind in der neuen Gesellschaft keine Schwächen, sondern Tugenden. Ohne sie wäre ein differenzloses Liebesleben von tödlicher Monotonie. Die Abirrungen gehören zur Harmonie wie die Dissonanzen zur Musik. »Die Natur will in den Vergnügungen eine ungeheure Vielfalt«, weiß Fourier. So wie wir von der Kultivierung der Gastronomie eine immer raffiniertere kulinarische Erlebnisse erwarten dürfen, dienen auch die erotischen Spezialneigungen, und seien sie noch so selten und abseitig, zur Vervielfältigung der erotischen Kultur.

Schüchtern gesteht Fourier, die Zahl derer, die gleich ihm eine Neigung zu Lesbierinnen pflegten, auf weltweit 26000 Männer berechnet zu haben. (Fragen Sie mich nicht, wie er immer auf diese Zahlen kommt, er ist ein mystischer Arithmetiker und Zahlenfetischist mit eigenen geheimen Rechenmethoden…) Selbst wenn es eine Perversion gäbe (Fourier nennt hier exemplarisch den »Sohlenkitzler«, der seine Befriedigung ausschließlich daraus zieht, Frauen die Fußsohlen zu kitzeln), eine sehr seltene Perversion also, der nur 40 Personen weltweit frönen, so würde es in einer Gesellschaft aus Phalanstères gelingen, diese zusammenzubringen und sich über ihre gemeinsame Leidenschaft austauschen zu lassen. Selbstredend gilt dies auch für weibliche und männliche Homosexuelle und alle anderen Zwiespältigen – solange, so der Kantsche Vorbehalt, niemand gekränkt wird oder zu Schaden kommt, ist alles erlaubt. Die neue Gesellschaft achtet und liebt ihre Minderheiten und Abweichler, weil sie diese nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung empfindet und deshalb mit Stolz betrachtet.

Die Öffentlichkeit reagierte auf die »Theorie der vier Bewegungen…« und alle noch folgenden Denkschriften Fouriers mit Gleichgültigkeit, Spott oder heller Empörung, die vor allen die Idee der sexuellen Befreiung auslöste. Der Druck nahm derart zu, daß der schüchterne und nicht eben zum Helden geeignete Autor zurückrudern mußte. Hatte er zunächst die weltweite Installierung der Phalanstères noch für das Erscheinungsjahr seines Buches vorausgesagt, so verschob er später die Realisierung auf zwei, drei, zehn oder fünfzig, je nach Laune auch auf drei- und vierhundert Jahre. Vor allem hielt er sich nach dem ersten Sturm sittlicher Erregung mit der Ausmalung künftiger Liebesfreuden zurück. Da Liebes- und Tafelfreuden ohnehin beide Quelle höchster Lebensfreude sind, verschlüsselte er die Liebes-Utopie zunehmend in gastronomischen und kulinarischen Chiffren. Gott hat uns in seiner Weisheit zugleich scharf auf Sex gemacht und als Leckermäuler geschaffen. Das geht völlig in Ordnung: Er wollte, daß wir unseren Spaß haben.

»Die Probleme der Liebe und der Feinschmeckerei werden in der Zivilisation nicht ernsthaft behandelt, weil man die Bedeutung nicht kennt, die Gott unseren Vergnügen zumißt. Die Wollust ist die einzige Waffe, deren Gott sich bedienen kann, um uns zu beherrschen und zur Erfüllung seiner Wünsche zu bringen. Durch Anziehungskraft und nicht durch Zwang beherrscht er die Welt. Die Genüsse seiner menschlichen Geschöpfe sind der wichtigste Gegenstand der göttlichen Berechnung.«

Nur nebenbei, Fourier glaubte gar nicht an Gott. Er bezeichnete sich als dialektischer Atheist. Gott ist nur eine Chiffre für das leitende kosmische Prinzip, die Vernunft der leidenschaftlichen Anziehung. Gott ist nicht universaler Logos, sondern kosmische Lust. Ebenso wie Fourier die Philosophie solange als Geschwätz betrachtete, wie Armut, Hunger und Sorge nicht abgeschafft sind, so wollte er an keinen Gott glauben, dessen oberstes Bestreben nicht daran bestünde, allen Menschen gut, reichlich und lecker zu essen zu geben. Dieses Prinzip legt er auch seinen Phalanstères zugrunde – es ist das Prinzip des Schlaraffenlandes. Dies ist seit jeher das Traumland der Armen. Deswegen versichert Fourier für die Zukunft,

»daß die Speisen der dritten Klasse, also die gewöhnliche Nahrung für das Volk, an Wohlgeschmack noch das übertreffen wird, was heute das Entzücken der Feinschmecker ausmacht. Was die Vielzahl der Speisen auf den Tischen des Volkes anlangt, so wird sie schwerlich die Zahl von dreißig bis vierzig Gerichten unterschreiten, von denen täglich ein Drittel durch andere ersetzt wird; dazu ein Dutzend verschiedener und mannigfaltiger Getränke zu jeder Mahlzeit.«

Daß die Kinder der Armen sich endlich an Leckerem sattessen können, ist Fouriers Herzensangelegenheit. In seiner Utopie ist für alles gesorgt, selbst für die Gesundheit der Schleckermäulchen:

»In Europa … werden die guten Früchte und Milchprodukte so alltäglich sein, daß man ihnen keine Bedeutung zumißt. Daher kommt es, daß feine Marmelade, eine crême, ein Kompott, zu gleichen Teilen aus Früchten oder Rahm und Zucker gemacht, billiger sein wird als Brot, so daß man aus Sparsamkeit den ärmsten Kindern feine Marmeladen, gezuckerte Milchspeisen und Kompotte aus verschiedenen Früchten geben wird.  […] Folglich werden die ärmsten Kinder auf der Welt die gezuckerten Milchspeisen und kandierten Früchte im Überfluß auf ihrem Tisch finden, nach denen es sie so gelüstet. Heute scheinen diese Dinge ihrer Gesundheit zu schaden, weil wir ihnen die sauren Getränke nicht geben können, die den wurmfördernden Einfluß jener Substanzen aufheben. Ist aber die Wüstenregion ersteinmal urbar gemacht, dann werden Limonade und andere kostbare Getränke … wohlfeil werden…«

Sie sehen, er hat an alles gedacht. Wie ein hyperaktiver Herbergsvater plant und organisiert er so rastlos wie akribisch das lustige Tischlein-deck-dich der Utopie:

»In der neuen Gesellschaftsordnung gibt es 5 Mahlzeiten, die Matinée um 5 Uhr, das Frühstück um 8, das Mittagessen um 1 Uhr, die Vesper um 6 und das Abendessen um 9 Uhr. Außerdem gibt es noch zwei Zwischenmahlzeiten oder Erfrischungen um 10 und um 4 Uhr. Diese vielen Mahlzeiten sind bei dem rasenden Hunger, den die neue Gesellschaftsordnung erzeugen wird, nötig, wird man doch … den ganzen Tag in Bewegung sein. […] Und doch wird erst dieses Mittel die Menschen leiblich vollkommen machen. Sie werden im Durchschnitt 7 Fuß groß und 144 Jahre alt werden. […] Gott, der auch die Abbilder dessen schaffen mußte, was in der neuen Gesellschaftsordnung vorkommen wird, hat durch die Erschaffung des Bandwurms den ungeheuren Appetit jener anzeigen wollen, die unter der neuen Ordnung aufwachsen.«

Manchmal geht die Fabulierlust halt durch mit dem Meister, und während man sich dazu das todernste Buster-Keaton-Gesicht vorstellt, mit dem er die Wonnen der neuen Gesellschaft und der kosmischen Neuschöpfungen erläutert, auflistet und durchzählt, klassifiziert, berechnet und abmißt, stellt sich beim Leser allmählich ein manisches Dauerschmunzeln ein, das man gar nicht mehr aus den Backen bekommt. Es ist, als wolle Fourier zur Utopie die Satire und zur Religion die Parodie gleich mitliefern. Wie ärmlich wirkt selbst das muslimische Paradies mit seinen präzis 72 scharfen Jungfrauen pro Märtyrer, wenn man Fouriers Erzählungen aus der Zukunft des irdischen lauscht. Doch der Irrwitz hat, wie gesagt, Methode, und Fourier ist durchaus bei Verstand. Gelegentliche ironische Selbstkommentare zeigen, daß er seine Phantastereien nur bedingt ernst nimmt; sie sollen lediglich dazu dienen, den Sinn für die Möglichkeitswelt zu schärfen und bei seinen Mitmenschen den blockierten Sinn für Phantasie freisetzen. Seine soziale Utopie ist nicht einfach eine amüsante, tagträumerische Liste wünschenswerter Dinge; sie stellt ein – in sich weitgehend stimmiges, ganzheitlich umfassendes – Traumkonstrukt dar, das uns vor Augen führt, was selbst die Menschen der westlichen Wohlfahrtssphäre alles entbehren, erleiden und versäumen, und wie weit wir trotz aller unermeßlichen und märchenhaften technologischen Fortschritte entfernt sind von einer vernünftigen, humanen, bewohnbaren und lebenswerten Welt.

Die Produktivkräfte haben global einen Entwicklungsstand erreicht, der selbst die Phantasien Fouriers übersteigt – und dennoch ist die Welt voller Hunger, Krieg, Massenarbeitslosigkeit, Armut, Flüchtlingselend und bitterer Lebensnot für zwei Drittel der Erdbevölkerung. Es ist ein bißchen peinlich, das zu sagen, weil es so extrem unmodern ist, darüber zu sprechen, aber noch immer hält eine winzige, verschwindende Minderheit den größten Teil des gesellschaftlichen Reichtums in ihren Händen. Ich denke, es genügt hier der simple Verweis; ich muß Ihnen kein Panorama des Welt-Elends ausmalen. Ebenso obsolet sind Aussagen darüber, warum das so ist, selbst wenn man die Wahrheit sagt. Wohin wir mit Hilfe unserer Zeitungen oder Fernsehsender blicken, starrt uns die Fratze eines korrupten, zynischen, lebensfeindlichen Systems an, eines sich seiner globalen Alternativlosigkeit brüstenden Kapitalismus, der von nichts als dem Prinzip maximalen Profits regiert wird. Ich sage das bewußt so krude und plakativ und verzichte für den Moment auf Binnendifferenzierungen, die man hier übergehen kann.

Fourier träumte von der Herrschaft eines anderen Prinzips: der Eros, die leidenschaftliche Anziehungskraft, und nicht die elend dumme, nichtige und destruktive Profitmaximierung sollte die Ökonomie leiten; nicht leerer, nutzloser, toter Reichtum sollte aufgehäuft oder in stumpfsinniger Verausgabung von einer Minderheit verpraßt werden, sondern mondäner, glamouröser, raffinierter Luxus für alle sollte die ästhetische und ethische Kultivierung des Humanen ermöglichen; nicht kalkulierende instrumentelle Vernunft und technologischer Fortschritt um seiner selbst willen, sondern der Fortschritt in der Entfaltung des Humanen sollte der Leitstern aller ökonomischen und sozialen Bemühungen sein. Dieses kultivierte Humanum sollte, seiner Würde entsprechend, über die Dinge und die menschengemachten Verhältnissse herrschen, nicht umgekehrt. Fourier nahm den Humanismus beim Wort und verlangte, mit ihm Ernst zu machen.

Seine Wut auf die Philosophie ist nicht anti-intellektualistisch oder gegenaufklärerisch, sie ist durch und durch modern. Seit jeher haben die Philosophen getrachtet, die Menschen den Verhältnissen anzupassen, anstatt sie  anzuleiten, diese zu humanisieren. Sein Bild vom Kosmos ist gewiß eine anthropozentrische Hyperbel, aber nicht aus Gattungsnarzißmus, sondern in dem heißen Wunsch, die Erde zu einem menschlichen, für Menschen bewohnbaren, dem Menschenglück dienlichen Planeten zu machen. Statt sich dieser Aufgabe zu widmen, hat die Moralphilosophie das eitle, narzißtische Projekt abstrakter Selbstvervollkommnung und Selbstvergöttlichung des Menschen verfolgt und ihm mit ihrer anti-hedonistischen, asketisch-repressiven Propaganda noch das kleine bißchen Glück und Freude vernörgelt, das ihm in der unvollkommenen Gesellschaft vergönnt war. Selbst bei besten Absichten haben sie damit objektiv der Lebens- und Menschenfeindlichkeit das Wort geredet. Ihre Vernunft ist die kleinliche Vernünftigkeit der Anpassung, der Feigheit und der Resignation. Sie haben den Menschen Mittelmäßigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit, Bedürfnislosigkeit und Kleinmut gepredigt, anstatt sie zu lehren, sich nicht zufrieden zu geben mit der Misere, aufzubegehren, unerschrocken Maximalforderungen zu stellen und uneingeschüchtert ihr Glück zu suchen. Fourier beharrt auf diesem kritischen Maximalismus:

»Weist die mittelmäßigen Gedanken, die maßvollen Wünsche zurück, die euch die ohnmächtigen Philosophen einflüstern. […] Haben sie nicht, gleich euch, Urteilskraft und gesunden Menschenverstand genug, um den allgemeinen Aberwitz zu sehen und anzuprangern? Ja, der Aberwitz bleibt allgemein, solange ihr dem himmelschreiendsten gesellschaftlichen Unrecht nicht abhelfen könnt, der Armut. Solange es sie gibt, beweisen eure tiefgründigen Wisenschaften nur euren Wahn und eure Nutzlosigkeit. Bei all eurer Gelahrtheit seid ihr doch nur eine Legion von Narren.«

Ein Mann wird unweigerlich zur komischen Figur durch die Überzeugung, er habe Recht gegen eine ganze Welt von Dummköpfen. Man preist seine Vernunft, wenn er reumütig sein Querulantentum einstellt. Aber auch das Kind, das die neuesten Kleider des Kaisers durchschaute, war inmitten der jubelnden Massen von Untertanen mutterseelenallein. Charles Fourier blieb so allein wie das Märchenkind; nicht nur aufgrund der Maßlosigkeit des Glücks, das er einforderte; er war war auch ein unverträglicher, streitsüchtiger, empfindlicher Mann. Der halbherzige Versuch einiger seiner Anhänger, eine Phalanstère zu gründen, scheiterte umgehend, und der Meister zerstritt sich mit ihnen. Zwar gelang es ihm allmählich, Publizität zu gewinnen und eine Schar Schüler und Anhänger aufzutreiben. Aber selbst seine Jünger scheuten vor der Radikalität der erotischen Utopie, sie zerpflückten, verwässerten und verfälschten seine Lehre und erwiesen sich als ebenso feige, kleinbürgerliche Moralprediger, wie sie Fourier immer verachtet hatte. Arm, verbittert und erschöpft starb er ganz allein, inmitten seiner geliebten Blumen. Auf dem Père Lachaise, unter den geliebten und verehrten Größen Frankreichs liegt er begraben.

Meine Damen und Herren,

in unserer abgebrüht-zynischen Postmoderne stehen positive Utopien nicht mehr im Kurs. Heute kann jeder Soziologe und Politiker, der beim Milchmädchen zur Schule ging, mühelos nachweisen, warum Fouriers Utopie nicht realisierbar ist. Ein billiger Triumpf. Das kosmo-erotisch-ökonomische funktioniert so wenig wie jedes andere perpetuum mobile. Aber was besagt das schon: Wenn wir alle Hoffnung fahren lassen, die Welt zu humanisieren, wird uns mit nichts mehr zu helfen sein. Der beharrliche Phantast Fourier hielt an dem Traum fest, es müsse eine Zeit kommen, in der Menschen, ihrer selbst würdig, lustvoll und glücklich mit anderen gemeinsam in Harmonie leben dürfen, frei von Sorge, Armut, Langeweile und Frustration. Wenn wir ihn dafür als Wahnsinnigen betrachten, haben wir ein schlimmes Urteil über uns selbst getroffen.

Es wäre eine glanzvolle Dissidenten-Großtat, fände sich in Deutschland ein Verlag, der Fouriers großartiges Buch wieder auflegte und seine Texte einer neuen, unbefangenen Lektüre wieder zugänglich machte. Der erklärte Anti-Philosoph könnte gerade der philosophischen Intelligenz belebende Impulse schenken. So wie seine Utopie aufweist, was unserem sozialen Leben fehlt, gibt sein wildes Denken den Blick frei auf die Defizite einer entmutigten, ängstlich am Geländer des konventionellen und arrivierten Diskurses entlanghangelnden Philosophie. Fourier konfrontiert das Denken mit seinen Ur-Quellen: dem Begehren, dem Hoffen und Wünschen, Staunen und Träumen. Die kreativen Potentiale der Imagination, das freie Spiel der Phantasie, die faszinierte selbstvergessene bricolage, das poetische Erfinden neuer Begriffe, die satirische, ironische und kritische Tagträumerei – all das beschwört Vorstellungen, die der akademischen Philosophie nur Gegenstand bodenloser Verachtung und Geringschätzung sind, lächerliche, sachfremde, allenfalls auf Verwechslung mit Literatur und Poesie beruhende Nebensächlichkeiten, unseriöse Bastelei. Dementsprechendsehen denn auch die Produkte der Universitätsphilosophie aus. Im Fourierschen Sinne vergehen sie sich an elementarsten Prinzipien: Sie erwürgen den Schmetterlingstrieb, entbehren aller Leidenschaft und verbreiten tödliche Langweile.

Es stimmt schon, Fourier untergräbt jeden denkerischen Ernst. Er ist nicht un-, sondern antiseriös. Blaise Pascal, sonst gewiß ein Anti-Pode Fouriers, prägte den Satz: »Der Philosophie spotten, das ist wahrhaft philosophieren.« Ein zeitgenössischer Autor empfiehlt deshalb als philosophische Übung das Gelächter über philosophische Ideen. Er schreibt:

»Wenn sie das Lachen über eine Idee zum Gegenstand eines Experimentes machen möchten, müssen Sie sich an die Philosophen halten. Bei ihnen finden Sie zahllose Begriffe, die absurd, bizarr, geschmacklos, geschraubt, exzentrisch, abwegig, bescheuert, ungeheuerlich, aufgebauscht, bestürzend, beängstigend sind. […] Die Genies bringen uns zum Lachen. […] … Sie [müssen] es erreichen, bei Platon über die Idee des Guten, bei Aristoteles über die des ersten Bewegers, bei Spinoza über die der Natur, bei Pascal über den Gott Abrahams und bei Kant über das moralische Gesetz zu lachen… […] Vor allem müssen Sie die ärgerliche Angewohnheit ablegen, zwischen Wichtigem und Lächerlichem zu unterscheiden, dem Ernsthaften mit dem würdevollen Gesicht und dem Grotesken und Lächerlichen, das Heiterkeitsanfälle auslöst. Das Wesentliche ist lächerlich. Versuchen Sie also, die Überzeugung abzulegen, wer über die großen Ideen lache, verachte sie. Die beste Art, Ideen zu achten, besteht darin, über sie zu lachen.« (R.-P. Droit, »Fünf Minuten Ewigkeit«, Hamburg 2002)

Wohlgemerkt, dies soll eine Übung sein, ein philosophisches Gedankenexperiment, keine allgemeine Lebenshaltung. Fourier zu lesen, heißt, sich genau einer solchen befreienden Übung in Humor und Distanznahme zu unterziehen. Das Schmunzeln, das Lächeln, das gelegentliche Hell-Auflachen, welches er uns beschert, ist kein dummes, banausisches Spießergelächter, es ist, im Sinne Pascals, philosophischer Humor. Mögen die Heiterkeitsanfälle, die uns  bei der Lektüre beschleichen, sich auch zunächst Fouriers bizarren Basteleien und enthusiastischen Pedanterien verdanken – die philosophische Heiterkeit wendet sich doch alsbald gegen ihre eigentlichen Adressaten: die bierernsten Verteidiger des status quo und die Pseudo-Seriösität seiner Lobredner. Die schräge, abgründige Humoristik der Fourierschen Utopie verschafft dem nachdenklichen Leser eine sei’s heitere, sei’s melancholische Distanz zu einer Wirklichkeit, die im Grunde viel absurder, wahnsinniger und unhaltbarer ist als jedes futuristische Phantasma. Wo die Misere als Normalität gilt und der Traum von Glück und Erfüllung als Wahnwitz, da steht die Welt auf dem Kopf. Um dies nicht zu vergessen, brauchen wir unter uns eine bestimmte Minderheit – sagen wir: ein Achtel oder Neuntel – von Spinnern, Träumern, Phantasten und Dissidenten, damit die Hoffnung weiterlebt und die Leidenschaft des Denkens nicht versiegt.

Meine Damen und Herren,

Ich wünschen Ihnen leidenschaftliche Festtage voller Luxus, Glück und Erfüllung, mit leckeren Mahlzeiten und raffinierten Genüssen, ein wenig Quittenkompott und genügend Raum für den Schmetterlingstrieb.

Ich danke Ihnen!

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