Kann es sein…

24. März 2014

Erörterte Grundgedanken: Kann es sein, dass man die Perspektive umkehren muss? Dass also das Spiel nicht, wie praktisch immer in der Tradition, vom Ernst (der Arbeit, der Alltäglichkeit, der Normalität etc.) her zu bestimmen ist, sondern, vielleicht auf paradoxe und ‚unmögliche‘ Weise der Gedanke gewagt werden muss, dass Ernst, Eigentlichkeit und Authentizität Konstrukte darstellen, die von den spielerischen Formen der Realität her entworfen worden sind – aus der platonisch-christlichen Sehnsucht nach einer unvergänglichen, ewige Zuverlässigkeit versprechenden ‚Wahrheit‘? Wäre der „Ernst“ dann eine Art polemische Fiktion, um gegen die spielerische Realität zu rebellieren? Wir werden den Gedanken verfolgen.

Entlang der Überlegungen von Johan Huizinga beschäftigt uns die doppelte oder zweifache Ambiguität des Spiels. Zum einen besteht die Ambiguität des Spiels, des Tuns-als-ob darin, dass dieses Als-ob nur funktioniert, wenn und insofern es (innerhalb und während des Spiels) geleugnet wird. Ein Seitenblick auf Pierre Bourdieus analytischen Begriff der illusio erhellte diesen Zusammenhang als Wesensmerkmal aller sozialen Spiele, die mit der Konstitution von Berufsgruppen, Habitus, Fächern, Disziplinen usw. verbunden sind. Ohne illusio – das heißt die – u. a. wider besseres Wissen geteilte Überzeugung vom Ernst, von der Seriösität und der Bedeutung des eigenen Tuns – kann das soziale Spiel keine Stabilität gewinnen. (Eine entscheidende Schwäche des Brechtschen Regiekonzepts der Verfremdung, die verlangt, die illusio beständig zu durchbrechen und aufzuheben.) Das Spiel bleibt nur Spiel, wenn und sofern es ernstgenommen wird.

Seine andere, umfassendere Ambiguität besteht, wie wir anhand ethnologischer, kulturanthropologischer und religionsphänomenologischer Befunde festgestellt haben, darin, dass das Spiel – der erklärte „Nicht-Ernst“ – eine für das Spiel konstitutive Tendenz hat, das Spiel zu überschreiten, auf schöpferische Weise eine tatsächliche Realität zu kreiieren, inmittten des Chaos der Welt eine mehr oder minder tragfähige Insel der Ordnung, der ausbalancierten Harmonie zu implementieren, die durch rituelle Bekräftigung stabilisiert wird. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, was man die Iterabilität des Spiels nennen kann: Es muss wiederholbar sein, es wird wiederholt und existiert in dieser Wiederholung. Selbtverständlich gilt dies in erster Linie für „soziale Spiele“ aller Art.

Ohne dass wir dies vorgehabt hätten, spielte in diesem Zusamenhang in unseren Diskussionen das Sakrament eine besondere Rolle, insbesondere die in der traditionellen katholischen Lehre von der Transsubtanziation vorgestellte Realpräsenz des Leibes Jesu Christi in der Eucharistie. Um dieses Phänomen – wie übrigens auch die ritualisierten ‚magischen‘ Praktiken sog. primitiver oder archaischer Kulturen und ihren wirklichkeitssetzenden ‚Erfolg‘! – zu verstehen, reicht die platte, überkommene Gegenüberstellung von ‚objektiver Realität‘ und ‚Einbildung‘ nicht aus: Das Spiel neigt dazu, die Grenzen des ‚bloßen‘ Als-ob immer zu überschreiten – es wirkt sich auf die Realität der Spielenden – und damit auf ihre Lebenswelt – aus.

Vielleicht ist es hilfreich, sich der Differenz von Transitivität und Intransitivität des Spiels zu erinnern. Wir befinden uns intransitiv im Modus des Spielens; zugleich sind wir damit transitiv beschäftigt, etwas zu spielen. Auf den ersten Blick ist dieses etwas identisch mit dem Set aus Regeln, das wir im Akt des Spielens performativ aufrufen und zur Wirklichkeit des Ausdrucks bringen. Diese ‚Aufführung‘ des Regelsystems, das wir im Spiel exekutieren, weist aber über sich hinaus: Auch eine spielerische Ordnung ist eine Ordnung und schafft Strukturen, die von der Realität der Spieler absorbiert werden.

Das Spiel als Darstellung, Kampf und Kult (Opfer, Ritual) steht weiter auf der Tagesordnung…

Advertisements

2 Antworten to “Kann es sein…”

  1. karu02 said

    Guck mal in die 24. Zeile, dort soll es sicherlich minder heißen und nicht kinder. Du kannst diesen Kommentar dann wieder löschen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: